up home Kinderhaus im Johannesviertel

Rede des Vorsitzenden des Vereins Kinder- und Jugendarbeit Michael Siebel anlässlich des 10-jährigen Jubiläums am 14.9.2002

"Ich will ein große Rutschbahn vom Dach der Goetheschule bis in den Schulhof!"
"Ich will, dass die stinkenden Autos endlich aus dem Viertel verschwinden."
"Ich will ein Schwimmbad im Johannesviertel"
"Ich will Frieden auf der Welt, und dass mein Asthma weg geht"
"Ich will, dass meine Lehrer gerecht sind!"
"Ich will, dass meine Eltern und mein Bruder nicht so doof zu mir sind!"

Dies sind Kinderwünsche, die auf unterschiedlichen Veranstaltungen, Kinderforen und Stadtteilfesten von Kindern geäußert wurden. Es sind die Wünsche, denen sich der Verein- Kinder- und Jugendarbeit vor 10 Jahren verschrieben hat und an deren Verwirklichung wir heute noch arbeiten und auch in Zukunft arbeiten werden. Aber diese Kinderwünsche machen auch deutlich, dass jeder Kinderwunsch etwas von einer Illusion hat. Auch das ist unsere Aufgabe, einen Prozess vom Wunsch zum Machbaren zu organisieren.
Der Verein Kinder- und Jugendarbeit ist vor 10 Jahren aus einer Elterninitiative hervorgegangen. Das erste auffindbare Dokument aus dieser Zeit ist ein Ergebnisprotokoll eines Vorbereitungstreffens für ein Lichterfest im Johannesviertel. "Alles was blinkt, blitzt und leuchtet", sollte das Viertel ergreifen. Ich kann mich noch gut an die ersten Umzüge erinnern, die mit einem Feuer auf dem Viktoriaplatz endeten. Ein nicht ganz einfaches Unterfangen, mitten in einem Wohnviertel ein großes, offenes Feuer zu machen.
Die Hauptaktivisten der damaligen Zeit waren Susanne Buhl-Cornelius, Kirsten Georg, Carola Stahl und eine gewisse Ute Barwig, die damals beim Jugendwerk der Arbeiterwohlfahrt angestellt war. Ihr Büro befand sich in der Pankratiusstraße, aber ihr Arbeitsauftrag war die Organisation von Kinder- und Jugendarbeit im Johannesviertel. Sie tat dies mit Straßenaktionen, mit Kinderkinoaktionen im Zelt und unter Einbeziehung der Elterninteressen.
Einer der Leitgedanken von Ute Barwig war die Grenzüberschreitung. Ich will das erklären: Kinder spielen - sich in definierten Spielräumen ab. Im privaten Haushalt im Kinderzimmer, im öffentlichen Raum auf Kinderspielplätzen. Ihre Leitidee war es, diese Grenzen zu überschreiten, auch im öffentlichen Raum Ecken und Flächen für Kinder zu erobern, die "normalerweise" Kindern nicht "gehören". Deshalb Straßenaktionen, bei denen Straßenabschnitte für bestimmte Zeiträume für Kinderaktionen gesperrt wurden, deshalb die Idee,Gärten und Hinterhöfe für Kinder zugänglich zu machen, deshalb der Ansatz sogenannte ruderale Spielflächen, also die letzten Wildnisse in der Stadt zu erhalten.
Und es ging schon damals um ein Haus. Im Jahresbericht des Jugendwerks der Arbeiterwohlfahrt hieß es damals: "Wir bauen ein Kinderhaus". Eltern und Kinder formulierten schon damals die Notwendigkeit eines festen Raums für Kinder im Viertel.
Leider war die Arbeiterwohlfahrt zu dieser Zeit nicht mehr sehr engagiert in der Sache der Kinderarbeit. Finanzielle Probleme und die Orientierung der Organisation auf die Altenarbeit erzeugten Distanz. Das Begehren der Eltern, eine Wohnung zu finden, wurde zwar schon damals von der Leiterin der Sozialverwaltung Frau Dr. Mohr unterstützt, die Findung selbst stellte sich aber als außerordentlich schwierig heraus. Die eine Wohnung war zu teuer, die andere hatte kein Außengelände. So zog sich der Prozess dahin.
Schritt für Schritt zog sich die AWO aus der Arbeit zurück. Schließlich wurde die Fachaufsicht der Stelle an das Jugendamt zurückgegeben. Es stellte sich nun die Frage, welcher andere Träger die Stelle übernehmen könnte. In Frage kamen damals die Martinsgemeinde und der IB. Die Martinsgemeinde wollte allerdings kein räumliches Standbein im Johannesviertel gründen, sondern weiter aus dem Martinsviertel operieren.
Wir standen also vor einer schwierigen Situation, aber es war gleichwohl eine produktive:
1. Ute Barwig legte 1992 ein "Konzept Spiel- und Lebensraum Johannesviertel" vor, eine Bestandsaufnahme und Konzeptpapier, das über viele Jahre hinweg richtungsweisend war.
2. Am 28.10.1992 fand in den Räumen des Sozialkritischen Arbeitskreises in der Frankfurter Straße 10 die Gründungsversammlung des Vereins Kinder- und Jugendarbeit im Johannesviertel statt.
Gründungsmitglieder waren: Ute Barwig, Jutta Habermann, Marlies Ockenfeld, Gerti Wolf, Kerstin Rau-Schmidt, Barbara Lücke und Michael Siebel.
Als Zwecke des Vereins wurden in der Satzung festgehalten:
  • Kinder- und Jugendarbeit entwickeln
  • finanzielle Unterstützung von Kinder- und Jugendarbeit
  • Schaffung von Spiel- und Aktionsräumen, Kinderbüro
  • Schaffung eines Kinderhauses
  • Verbesserung der Spielplatzsituation
  • Kooperation mit anderen Trägern
Erste Vorsitzende wurde Jutta Habermann, ihr Stellvertreter Michael Siebel, Rechnerin Marlies Ockenfeld.
1993 wurde die Broschüre "Wir sind wichtig" herausgegeben. Es ging darum, die personelle Basis zu vergrößern. Mit Aktionen wie einen Gewerbemarkt für Kinder, Weihnachts- und Frühlingsaktionen machte der Verein auf sich aufmerksam.
1994 fanden die ersten Ferienspiele auf dem Hundeübungsplatz der Firma MERCK am Täubcheshöhlenweg statt. MERCK blieb uns als Kooperationspartner und Sponsor bis zum heutigen Tag erhalten. Auch die Verbindung mit der Gemeinwesenarbeit in der Kirschenallee blieb für die Ferienspiele fester Bestandteil.
Im selben Jahr erfolgte die Eintragung im Darmstädter Vereinsregister unter der schmucklosen Nummer VR 2390. Die Vorsitzende konnte bei der Jahresversammlung die Verdoppelung der Anzahl der Mitglieder feststellen.
Am 3.7.1994 wurde das Kinderbüro in der Frankfurter Straße 10 eröffnet. Wir waren beim SKA untergekommen. Unser erster hauptamtlicher Mitarbeiter war Jürgen Hehner-Anders und die Stadt hatte sich entschlossen, dem IB die Trägerschaft zu übertragen. Nicht zuletzt durch den Einsatz der damaligen Leiterin Frau Ute Barwig wurde die Kinder- und Jugendarbeit damals mit Standort im Johannesviertel fest etabliert.
1996 war für den Verein ein schweres Jahr. Differenzen im Vorstand über das Verhältnis ehrenamtlicher und hauptamtlicher Arbeit und die unverschuldete Kündigung des Raums in der Frankfurter Straße waren Ausgangspunkt dieser Schwierigkeiten. Außerdem wurde uns die hauptamtliche Stelle weggenommen. Die Stadt wollte einen - sicherlich auch notwendigen - Schwerpunkt der Jugendarbeit in Eberstadt bilden und das dort neu errichtete Haus personell komfortabel ausstatten.
Wir standen vor dem Aus oder einem ungewöhnlichen Neuanfang und entschieden uns für letzteres. Mit einem schmalen Budget von 20000.-DM eröffneten wir die Kinder- und Jugendarbeit wieder in einem Bauwagen auf dem Spielplatz der Parcusstraße. Am 15.5.1996 wurde der Bauwagen eröffnet und er bedeutete für uns eine neue Herausforderung. Es waren nun die "Guckerkinder" die unser Angebot beflügelten, die Kinder, die an den Fenstern in den Wohnblocks rundherum saßen und zu uns kamen, wenn der Bauwagen eröffnet wurde.
Auch der Verein konstituierte sich neu. Michael Siebel wurde Vorsitzender, Barbara Lücke Stellvertreterin, Marlies Ockenfeld blieb Rechnerin.
Jutta Habermann verließ den Vorstand mit den Worten: "Die Lotsin geht von Bord". Sie hat in den ersten Jahren den Verein ganz maßgeblich aufgebaut und damit den Kindern im Viertel und den Bedürfnissen von Eltern Raum gegeben. Ihre Arbeit war und ist von einem hohen Anspruch an Fachlichkeit geprägt, ein Anspruch, der auch in Zukunft immer wieder formuliert werden muss, schon allein deshalb, weil sich die Bedingungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit verändern. Dafür sage ich Jutta Habermann im Namen des Vereins herzlichen Dank.
Im folgenden Jahr beteiligten wir uns an der Umgestaltung des Spielplatzes Kahlertstraße. Es war das erste Spielplatzprojekt, das mit den Beteiligten durchgeführt wurde. So hatten die Kinder Mitspracherechte und wir wurden von einer Landschaftsplanerin beraten. Doch das gute Ergebnis war nur möglich, weil die beim Gartenamt zuständigen Mitarbeiter konstruktiv mitgewirkt haben.
Ich möchte mich an dieser Stelle übrigens einmal bei allen Mitarbeitern der Stadtverwaltung in Darmstadt bedanken, mit denen wir in den 10 Jahren zu tun hatten. Das waren zu aller erst die Kollegen im Jugendamt, der ehemalige Amtsleiter Torsten Rasch und der Jugendpfleger Rainer Claus, die Mitarbeiterinnen Waltraud Langer sowie Frau Nober. Das waren die Kollegen im Liegenschaftsamt, insbesondere Herr Gompf im Bauamt und, ich erwähnte es schon, im Gartenamt Herr Wiggers. Es wird manche von Ihnen wundern, aber sogar mit dem Brandschutzamt klappte die Zusammenarbeit, auch wenn das Amt den Hausumbau doppelt so teuer gemacht hat, wie vorgesehen - ich komme noch dazu. Unser besonderer Dank gilt aber der Leiterin der Sozialverwaltung Frau Dr. Wilma Mohr, die sich sozusagen als nie gekürte aber doch permanent vorhandene Schirmherrin unseres Vereins erwiesen hat. Dafür ganz herzlichen Dank. Wir haben auch den für uns zuständigen Dezernenten zu danken. In der Zeit der 10 Jahre Verein waren es immerhin zwei, doch die ersten Briefkontakte zwischen uns und der politischen Ebene gingen an den damaligen Bürgermeister Peter Benz. Herzlichen Dank an Gerd Grünewald, der mit seiner ruhigen und besonnenen Art sich als Garant einer wirklichen Umsetzung dessen, was wir Subsidiarität, nennen erwies. Danke an Cornelia Diekmann, die nach kurzer Zeit sich bereits gut in ihr neues Arbeitsfeld eingearbeitet hat und auch in schwierigen Situationen stets eine Lösung parat hat.
Aber bei all dem Dank habe ich ganz vergessen, dass wir erst die Hälfte der Zeit hinter uns haben.
1997 wurde unsere Jugendgruppe IRGENDWIE gegründet. Der Verein wurde Träger der Jugendhilfe.
In dieser Zeit entstanden neue Aktionsformen. Dazu gehörten die Kletteraktionen auf dem Schulhof der Goetheschule, Zirkusbesuche, das Halloweenfest und unser mittlerweile traditionelles Sommerfest. Das Ferienspielteam wollte auch mal was für ältere Kinder anbieten und veranstaltete in den folgenden Jahren regelmäßig Kanu Touren. Eine Jugendfreizeit führte die Jugendgruppe nach London.
1998 fiel uns dann ziemlich unerwartet das Haus in der Viktoriastraße 34 zu. Auf dem Gelände war vor Jahren der Neubau eines Hortes geplant und die Stadt hatte daraufhin die Entmietung des Objekts vorangetrieben. Obwohl die Mittel für den Neubau aus dem Haushalt für andere Baumaßnahmen verwandt wurden, wurde die Entmietung weiter betrieben. In dieser Situation griffen wir zu. Das Haus wurde auch mit viel Eigenarbeit und einem städtischen Zuschuss für die Zwecke der Kinder- und Jugendarbeit umgebaut. Am 12. September 1998 konnten wir die Eröffnung feiern. Es wurde ein Konzept entwickelt, das als feste Bestandteile die offene Arbeit und ein Mädchencafe umfasst. Das Konzept ist im Internet abzurufen.
Es ist auch das Jahr eines gescheiterten Projekts. Wir hatten von den Schulen gehört, dass ein Bedarf für ein Mittagessen bestünde. Deshalb boten wir einen Mittagstisch an, der allerdings nicht in dem Maße angenommen wurde, wie es notwendig gewesen wäre, um das Angebot kostendeckend zu betreiben.
1999 wurde der Verein dann Träger der Schulsozialarbeit an der Schulinsel im Johannesviertel. Die Stadtverordneten hatten damals 250000.-DM im Haushalt für Schulsozialarbeit eingestellt. Da insbesondere die Diesterwegschule schon seit Jahren Interesse angemeldet hatte, stand außer Zweifel, dass eine der Stellen an die Schulinsel kommen sollte. Da die Stadt nicht selbst die Trägerschaft übernehmen wollte, wurden freie Träger gesucht. Als wir von der Sozialverwaltung angesprochen wurden, fühlten wir uns natürlich geehrt, aber mussten auch zugeben, dass die Schulsozialarbeit nicht zu unserm Kerngeschäft gehörte. Trotzdem entschied sich der Vorstand dafür, die Trägerschaft zu übernehmen. Wie wir heute wissen, war das eine gute Entscheidung. Mit Anne Korbach konnten wir eine Kollegin gewinnen, auf die viele andere Träger neidisch sind und wir wissen das zu schätzen.
Gemeinsam mit den Schulen - und ich freue mich, dass heute Herr Kirchner mit Gattin von der Diesterwegschule, ebenso Frau Ketz-Kempe und Herr Fabian, sowie Herr Krell von der Eleonorenschule hier sind - legen wir die Schwerpunkte der Arbeit fest. Zur Zeit sind dies die Gewaltprävention, Psychomotorik und die Einzelfallberatung. Etabliert ist die Theaterarbeit, neu im Aufbau das Projekt "Schule als guter Lebensraum".
Seit letztem Jahr ist der Verein mit Träger der offenen Bibliothek, einem in Hessen einmaligen Projekt, das in diesem Jahr auch schon sein fünfjähriges gefeiert hat.
In diesem Jahr sind wir Träger der familienfreundlichen Schule an der Diesterwegschule und der Stadtteilschule Arheilgen geworden. In Kooperation mit der Eleonorenschule wurde das GrafStat Projekt gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung begonnen.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Festgäste. Ich weiß nicht ob es mir gelungen ist, 10 Jahre Vereinsgeschichte in 10 Minuten zusammenzufassen, aber ich will damit schließen, drei Punkte der Perspektive zu benennen. Ich denke, mehr sollte ein so junger Verein noch nicht benennen.
Zuerst wollen wir weiter Spielräume für Kinder öffnen. Uns haben vor wenigen Tagen Eltern vom Spielplatz Parcusstraße angesprochen, wie man eine Umgestaltung machen kann. Da sind wir als Verein natürlich dabei. Aber ich bitte auch alle Bewohner des Viertels zu überprüfen, ob nicht Hinterhöfe und -gärten für Kinder geöffnet werden könnten. Vielleicht gibt es alte Kirschbäume, die als Kletterbäume herhalten können. Gebt den Kindern mehr Raum.
Zweitens: wir wünschen uns eine hauptamtliche Unterstützung unserer Arbeit. In den 10 Jahren haben wir gelernt, dass man viel mit Honorarkräften machen kann. Aber bei einem Stundenlohn von 8.-€ ist die Fluktuation hoch und wir geraten an fachliche Grenzen. Es ist ein Fehlschluss, dass im Johannesviertel eine heile Welt existieren würde. Unser Projekt ist die Zusammenführung der Mittelklassekinder mit den sozial benachteiligten Kindern. Und um das richtig gut machen zu können, brauchen wir eine feste Stelle.
Und drittens: wir wünschen uns ein neues Haus, nicht nur für die offene Arbeit, sondern für die vielfältigen Formen der Betreuung, die heute notwendig hoch flexibel sein sollte, wegen der Eltern und wegen der Kinder. Wir haben Frau Diekmann ein Konzept vorgestellt und es ist in Fachkreisen auf Anerkennung gestoßen. Zur Zeit ist das Geld nicht da. Das akzeptieren wir. Aber es wäre schön, und ich darf ergänzen notwendig, fürs Johannesviertel ein solches Schulkinderhaus zu haben.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, unser Verein ist aus einer Elterninitiative entstanden. Ich glaube, wir haben in den 10 Jahren unter Beweis gestellt, dass die Kompetenz "Eltern sein" durchaus taugt, um Kinder- und Jugendarbeit abzuliefern.
Bei den Ferienspielen haben wir seit neun Jahren drei Regeln für die Kinder und eine für die Teamer: Die Kinder zuerst. Dies soll auch für die Zukunft unser Leitspruch sein.


  Kinder- und Jugendarbeit im Johannesviertel e.V., Viktoriastraße 34, 64293 Darmstadt, Tel. 06151 / 999 858
Letzte Änderung am 01.12.2002